Lichtstarkes Porträttele

Testbericht: Nikon AF-S 105 mm 1:1.4E ED

2017-03-09 Mit dem AF-S Nikkor 105 mm 1:1.4E ED stellte Nikon im vergangenen Sommer das wohl bisher lichtstärkste Teleobjektiv vor, das aufgrund seiner Eigenschaften zwar als Porträtobjektiv prädestiniert, aber keineswegs auf diese Motivwelt festgenagelt ist. Normalerweise haben so lichtstarke Objektive maximal eine Brennweite von 85 Millimetern, entsprechend ist nicht nur viel Glas verbaut, sondern der Preis mit gut 2.300 Euro auch sehr hoch angesetzt. Im Praxis- und Labortest muss das Objektiv nun seine Bildqualität beweisen.  (Benjamin Kirchheim)

Verarbeitung und Ergonomie

9,5 Zentimeter Durchmesser, 10,6 Zentimeter Länge und ein Gewicht von fast einem Kilogramm sind eine Ansage! Das AF-S Nikkor 105 mm 1:1.4E ED ist eine dicke Tonne mit schlankem Hinterteil (Bajonett) und riesiger Linsenöffnung vorne. 82 Millimeter misst das Filtergewinde, die Frontlinse bringt es auf mehr als sieben Zentimeter Durchmesser. Das Kunststoffgehäuse macht nicht den allerhöchsten Wertigkeitseindruck, aber das Bajonett besteht aus Metall. Das Objektiv ist gegen Staub und Spritzwasser geschützt, die Frontlinse besitzt eine Fluorvergütung, die schmutzabweisend wirkt. Der Fokusring fällt äußerst breit und griffig aus.

Mit einer 3/8-Umdrehung wird der Fokusbereich von einem Meter Naheinstellgrenze bis unendlich durchfahren, wobei der Ring keinen festen Anschlag besitzt, sondern einfach über die Endeinstellungen der Fokusskala hinwegrutscht. Mit dem Drehwinkel ist eine manuelle Fokussierung möglich, ausgelegt ist das Objektiv aber für den Autofokus, der per Ultraschallmotor angetrieben wird. Dabei stellt das AF-S 105 mm 1:1.4E ED zwar keine Geschwindigkeitsrekorde auf, ist für ein so lichtstarkes Porträtobjektiv aber erstaunlich flott und vermag auch bei Sportmotiven im AF-C-Betrieb präzise zu fokussieren. Auch im AF-S-Betrieb arbeitet der Autofokus an unserer Testkamera, der Nikon D800E, sehr präzise, sodass man sich selbst bei der hauchdünnen Schärfentiefe bei Offenblende auf den Autofokus verlassen kann. Ein kleines Fenster an der Oberseite zeigt die Fokusentfernung an, auch Schärfentiefemarkierungen hat Nikon angebracht, wobei diese sehr eng beieinanderliegen und somit nur als grobes Richtmaß dienen können.

Praxis

Ein solch lichtstarkes Objektiv sammelt viel Licht, was besonders in Gegenlichtsituationen durchaus problematisch sein kann. Um Reflexionen zu minimieren und den Kontrast hochzuhalten, kommt Nikons Nanovergütung zum Einsatz, die hervorragende Dienste leistet. Zudem gehört eine große Streulichtblende zum Lieferumfang, die zum Transport verkehrt herum montiert werden kann. Apropos Transport: Eine passende Stofftasche liefert Nikon gleich mit, sodass das teure Stück im Rucksack nicht zerkratzt.

Trotz des hohen Gewichts und enormen Durchmessers ergibt das AF-S 105 mm 1:1.4E ED an der Nikon D800E eine aufgewogene Kombination, mit der man sehr gut aus der Hand fotografieren kann. Nur das hohe Gewicht von zwei Kilogramm, das die Kombination auf die Waage drückt, zerrt sehr am Schultergurt. Die Blende besteht aus neun abgerundeten Lamellen und wird präzise elektromagnetisch geschlossen statt rein mechanisch. Das sorgt für eine präzisere Steuerung, ist aber für ältere Nikon-SLRs und -DSLRs nicht geeignet. Das einzige, was dem Objektiv fehlt, ist ein optischer Bildstabilisator, der angesichts der Brennweite bei manchem Motiv beziehungsweise mancher Lichtsituation helfen würde.

Bildqualität

Bereits bei Offenblende zeichnet das AF-S Nikkor 105 mm 1:1.4E ED sehr scharf und zeigt außerhalb des Schärfebereichs ein hervorragend weiches Bokeh. Das Objektiv eignet sich bei Offenblende nahe der Naheinstellgrenze für intensive Porträts, selbst bei etwas weiter entferntem Model (Ganzkörperporträt) zeichnet es wunderbar scharf und löst das Model präzise vor dem unscharfen Hintergrund heraus. Dabei darf das Motiv auch gerne im Randbereich sitzen, denn auch hier zeichnet das Objektiv sehr scharf. Trotz der hohen Lichtstärke fallen in der Praxis weder eine Randabdunklung noch Farbsäume auf.

Der Test im digitalkamera.de-Labor bestätigt die Beobachtungen aus der Praxis. Bereits bei Offenblende löst das Nikon AF-S 105 mm 1:1.4E ED deutlich über 50 Linienpaare pro Millimeter (lp/mm) bei 50 Prozent Kontrast auf. Blendet man es um nur eine Stufe auf F2 ab, so macht die Auflösung sogar noch einen großen Sprung auf 70 lp/mm und erreicht von F2,8 bis F5,6 ein Maximum von 74 lp/mm, bevor die Beugung die Auflösung wieder minimal zu drücken beginnt. Das Ende der Fahnenstange bezüglich Abblenden ist bereits bei F16 erreicht, wo die Auflösung immer noch über 60 lp/mm beträgt. Der Bildrand löst bei jeder Blende über 60 lp/mm auf und kratzt bei F5,6 und F8 sogar an der Marke von 70 lp/mm – das ist eine hervorragende Randauflösung, die man von einem Porträtobjektiv gar nicht unbedingt erwartet hätte.

Optische Fehler sind dabei minimal. Bei F1,4 beträgt die Randabdunklung gerade einmal 0,8 Blendenstufen (42 Prozent Lichtverlust in den äußersten Ecken) und nimmt beim Abblenden auf F2,0 und F2,8 um jeweils die Hälfte auf 0,4 und 0,2 Blendenstufen ab. Farbsäume in Form chromatischer Aberrationen sind allenfalls bei Offenblende minimal vorhanden. Am negativsten fällt noch die kissenförmige Verzeichnung von einem Prozent ins Gewicht (siehe Diagramm aus dem Labortest unten), denn das kann bei kritischen Motiven unangenehm auffallen, lässt sich jedoch digital leicht korrigieren.

Fazit

Mit dem AF-S Nikkor 105 mm 1:1.4E ED hat Nikon ein konkurrenzloses Porträt-Monster auf den Markt gebracht! Es löst bei Offenblende hoch, aber nicht zu knackscharf auf, was dem Model schmeichelt. Leicht abgeblendet wird die Auflösung brutal und holt das Maximum aus der Nikon D800E heraus, das Objektiv hat mit Sicherheit Potential für deutlich mehr Auflösung an zukünftigen Vollformat-DSLRs. Das piekfeine Bokeh ist einem Porträtobjektiv mehr als würdig. Dazu arbeitet der Autofokus äußerst präzise und für ein Porträtobjektiv durchaus schnell, sodass das 105er mit AF-C sogar für Sportaufnahmen taugt. Den Preis für das lichtstarke Tele muss man jedoch doppelt bezahlen: Einerseits natürlich in harter Währung beim Kauf und andererseits beim Tragen des hohen Gewichts. Vielleicht hätte es zu dem Preis auch nicht unbedingt ein Kunststoffgehäuse sein müssen (ist aber leichter), mit der Abdichtung gegen Staub und Spritzwasser sowie der schmutzabweisenden Fluor-Frontlinsenvergütung ist der Robustheit aber genüge getan. Der Verzicht auf einem optischen Bildstabilisator ist zwar einerseits schade, wäre aber der Bildqualität möglicherweise abträglich gewesen und ist daher verschmerzbar.

Kurzbewertung

  • Spitzwasser- und Staubschutz sowie schmutzabweisende Frontlinsenvergütung
  • Schneller Autofokus
  • Hohen Offenblendauflösung unf bereits leicht abgeblendet am Maximum der Kamera
  • Sehr geringe Randabdunklung
  • Schönes Bokeh
  • Kein optischer Bildstabilisator
  • Groß, schwer und teuer
  • Leicht sichtbare kissenförmige Verzeichnung

Nikon AF-S 105 mm 1.4E ED mit Nikon D800E (v6.0)

Verzeichnung

Im digitalkamera.de-Testlabor werden mit Hilfe der Software Analyzer von DXOMARK verschiedene Bildqualitätsparameter gemessen. Der Labortest mit klar gestalteten und leicht verständlichen Diagrammen, Erklärungstexten in Form einer ausführlichen PDF-Datei zum Download kostet je nach Umfang 0,49 bis 1,49 EUR im Einzelabruf für eine Kamera und 0,49 bis 0,69 EUR für ein Objektiv. Flatrates, die den Zugriff auf das gesamte Labortest-Archiv erlauben, sind ab 2,08 EUR pro Monat buchbar. Eine Flatrate hat keine automatische Verlängerung und wird im Voraus für einen festen Zeitraum gebucht und bezahlt.

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